Alles Azzurro: Unter deutschen Campern in Italien (German Edition) by Markus Götting

Alles Azzurro: Unter deutschen Campern in Italien (German Edition) by Markus Götting

Autor:Markus Götting [Götting, Markus]
Die sprache: deu
Format: mobi
Herausgeber: Ullstein Buchverlage GmbH
veröffentlicht: 2012-06-07T22:00:00+00:00


Nove

Herbert entschuldigt sich für einen kurzen Augenblick in Richtung Badehäuschen. Er sieht ziemlich verkrampft aus, als er das sagt. Wobei Worte gar nicht nötig wären bei einem Mann und seiner Toilettenrolle.

Er ist am Mittag angekommen, gerade noch rechtzeitig, um vor dem Campingplatz-Fahrverbot an der Rezeption hindurchzuschlüpfen. Und hindurchschlüpfen ist im Angesicht seines Wohnmobils auch wirklich nur zeitlich zu verstehen.

Nahezu sämtliche Bewohner der Zona Dragone sind aufgeregt zusammengeströmt, als dieses Gebirgsmassiv aus weißem Blech am Ristorante Pico Bello vorbeirollt, was natürlich auch an dem mächtigen Hupen liegt, das so tief und erschütternd klingt wie die Fanfare der »Queen Elisabeth II«, wenn sie in den Hamburger Hafen einläuft. Hinter der riesigen Panorama-Frontscheibe grinst und grüßt ein älterer Herr so erhaben, als säße er am Kapitänsdeck eines Luxusliners. Das also ist Herbert, auf den Willi jetzt schon seit Tagen wartet. Alle, alle sind sie gekommen. Sogar der Bürgermeister, wenngleich er sich bemüht, jeden Augenkontakt mit mir zu vermeiden.

Captain Herbert klettert aus der Fahrerkabine, die Ärmel eines nachtblauen North-Face-Hemdes aus atmungsaktivem Funktionsmaterial aufgerollt und über eine Schlaufe an einem Knopf befestigt. Nicht ein einziges Tröpfchen Schweiß auf der Stirn. Muss eine 1A-Klimaanlage haben, dieses Monstrum.

Und was ist das für ein Hallo! Ich hatte mich ja schon daran gewöhnt, dass die Ankunft neuer Gäste im Grande Paradiso so eine Art Höhepunkt des Tages darstellt. Man kommt zusammen, bietet Hilfe an. Vor allem beäugt man sie erst mal neugierig. Aber das hier war ein Spektakel, das alle bisherigen Grenzen sprengt. Schaulustige Fremde wohnen aus für Campingplatzverhältnisse ungewöhnlicher Distanz dem Eintreffen von Herbert und Ute bei. Sie wurden ja ähnlich sehnsüchtig erwartet wie einst der Heiland, aber ihr Auftritt ist noch pompöser. Fehlte nur, dass alle mit Palmwedeln am Wegesrand stehen. Stattdessen liegen die beiden Neuankömmlinge sofort halbnackten Rentnern im Arm, bis Herbert plötzlich zusammenzuckt, als habe ihn ein Blitz durchfahren. Er krümmt sich und greift sich mit beiden Armen an den Bauch.

»Meinem Alterchen geht’s leider nicht so gut«, sagt Ute, während Herbert schmerzgebeugt mit seiner Papierrolle geradewegs zur Toilette eilt. »Irgendwas hat er am Magen, schon seit zwei Tagen.« Und es muss so furchtbar gewesen sein, dass er sogar unterwegs die Bordtoilette benutzen durfte, erzählt seine Frau.

Lena unterhält sich zu meiner Verblüffung einen Smalltalk-Moment mit Sagrotan-Susi, während Willi ein paar Flaschen Reisdorf-Kölsch an die Umherstehenden verteilt. »Der Charisma«, stöhnt Willi ehrfürchtig. Ich glaube, er hatte den Modellnamen schon mal in Verbindung mit Herbert erwähnt. Die meisten Männer treten jetzt einige Schritte zurück, um dieses Kreuzfahrtschiff unter den Wohnmobilen angemessen betrachten und würdigen zu können. Die Lippen aufeinandergepresst und nach vorn geschoben, nicken sie anerkennend.

Herbert parkt in der dritten Reihe, sozusagen der Opernbalkon des Campingplatzes. Und jetzt verstehe ich auch, warum sie hier keine Trennhecken angepflanzt haben. Herbert und Ute belegen im Prinzip eineinhalb Stellplätze. Und wie ich die geschäftsfreudigen Italiener inzwischen kennengelernt habe, bin ich mir sicher, dass Massimo ihnen auch die entsprechende Standgebühr dafür abnimmt.

So wie Ute das schildert, hat das Drama begonnen, als die beiden irgendwo auf der A8 zwischen München und dem Inntal-Dreieck von der Polizei rausgewunken und auf eine Lkw-Waage gestellt wurden.



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